Geschichtliches

Text und Grafik aus: "Wandern in Tschiertschen und Praden", Pro Tschiertschen

Entstehung und Gemeindebildung 

Tschiertschen um 1900
Tschiertschen um 1900

Die Ursprünge des Dorfes Tschiertschen liegen im Dunkel der Geschichte. In einer Abgabenliste des Klösterleins St.Hilarien in Chur aus dem 8. Jahrhundert wird ein Acker in «Cercene» erwähnt, womit Tschiertschen gemeint sein könnte. Im 13. Jahrhundert (1222) werden Besitzungen des Prämonstratenserklosters Churwalden (gegründet um 1160) in Tschiertschen genannt. 1274 werden bei einem Verkauf von Gütern durch das Kloster an die Freiherren von Vaz auch Höfe in Tschiertschen erwähnt. Möglicherweise begann schon damals die Ansiedlung von Walserfamilien durch dieses bedeutende rätische Feudalherrengeschlecht. Tschiertschens politische Verbindungen mit Churwalden blieben bestehen. Das Dorf war später Teil der Gerichtsgemeinde Churwalden (16. bis 18. Jahrhundert) und gehört heute noch zum Gerichts- und Wahlkreis Churwalden (seit 1851). Tschiertschen lag am linksseitigen Talweg von Chur über Tschiertschen-Molinis ins Schanfigg, der seine Fortsetzung nach Davos (Strelapass), dann ins Engadin und ins Tirol fand. Die Bauernfamilien von Tschiertschen sprachen im Mittelalter Rätoromanisch. Wann man im Dorf begann, Deutsch zu sprechen, kann nicht genau datiert werden; sehr wahrscheinlich schon im 14./15. Jahrhundert, sicher aber war die Germanisierung gegen Ende des 16. Jahrhunderts abgeschlossen. Das Walserdeutsch der Tschiertscher Bevölkerung hielt sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Oberstufe der Schule nach Chur verlegt wurde und die individuelle Mobilität zunahm. Aber heute noch sind walserische Relikte in der Tschiertscher Mundart zu hören. Flurnamen hingegen halten sich noch lange nach dem Sprachwechsel: Im Gemeindegebiet von Tschiertschen sind heute immer noch etwa 20% der Namen rätoromanisch, manche allerdings verändert, wie etwa der «Tumabüel», wo der romanische Name «Tuma» (rtr. «Hügel») einfach mit dem walserischen Namen «Büel» verbunden wurde, als man diesen nicht mehr verstand. Auf dem Tumabüel (oberhalb des Hotels Alpina) befand sich nach Erwin Poeschel der Turm zu Tschiertschen, vermutlich der Sitz des kleinen Adelsgeschlechts der «Dusch von Zertschen», die im 15. Jahrhundert das Ammannamt im Gericht Churwalden ausübten.

 

Praden um 1920
Praden um 1920

Eine Siedlung Praden entstand erst im späten Mittelalter. Praden wurde von Langwies aus besiedelt und gehörte politisch nie zu Tschiertschen, sondern bis 1851 zur Gemeinde Langwies, weit im Inneren des Tales gelegen. Veranlasst wurde die Ansiedlung der Walser in Praden im Jahr 1300 durch das Kloster St. Luzi in Chur, Prämonstratenser wie in Churwalden. Damals erhielten zwei Anführer von Siedlern aus dem Wallis, genannt Röttiner und Aier, vom Konvent St. Luzi die Güter Pradella (Inner Praden) und Silvaplana (in Usser Praden) zu Erblehen nach Davoser Recht. Zweck dieses planmässigen Vorgehens war die bessere Nutzung der Besitzungen der Kirche St. Luzi. Von Praden aus erfolgte zu Beginn des 14. Jahrhunderts auch die wirtschaftliche Erschliessung der Güter Runcalier und Grida am «Walserberg» gegen Churwalden. Die günstige Lage von Praden ermöglichte den Obst- und Ackerbau.

In Tschiertschen hingegen bestanden schlechtere Möglichkeiten zur Selbstversorgung. Tschiertschen musste seine Obstgärten in den entfernten «Gadenstätten», in den «Gründen» und in der «Brüscha» weit unterhalb des Dorfes anlegen. Die geringe Ausdehnung des Prader Gemeindeterritoriums ernährte aber im Lauf der Jahrhunderte nicht alle Menschen. Die Folge war ein dauernder Abwanderungsdruck in dieser armen Gemeinde. Da Praden seit 1300 immer deutschsprachig war, liegt der Anteil der deutschen Namen im Gelände bei etwa 90 Prozent.
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Kirche Tschiertschen
Kirche von Tschiertschen

Kirchliches
Kirchlich war Tschiertschen vor 1400 Teil der alten Talkirche von Castiel auf der rechten Seite des Schanfiggs. Die eigene Kirche wurde im 15. Jahrhundert erbaut, sie war St.Jakob und Christoph geweiht. 1472 wurde der Kirche ein eigener Priester bewilligt und 1488 stifteten zahlreiche Familien eine ewige Messe. Um 1550 übernahmen die Tschiertscher die Reformation. In Tschiertschen gingen bis um die Mitte des 17.Jahrhunderts auch die Nachbarn von Praden zur Kirche. Nach einem langen Streit vor den Gerichten des Zehngerichtebundes mit den Tschiertschern, die den Pradern die Bestattung von Pesttoten verweigert hatten, errichteten diese zwischen 1629 und 1642 ihr eigenes Gotteshaus. Ein Gerichtsbeschluss regelte 1655 die noch lange umstrittenen Verhältnisse auf Dauer: Die Kirchen waren getrennt; den Pfarrer aber behielten Tschiertschen und Praden gemeinsam. Tschiertschen hatte das Pfarrhaus zu unterhalten, Praden das Brennholz zu liefern. Die Seel­sorger wohnen heute noch in Tschiertschen und predigen an beiden Orten. 
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Landwirtschaft
Auch mit den Nachbarn von Molinis wurde lange gestritten. Es ging um Atzungsrechte – den freien Weidgang nach der Heu- und Emdernte im Herbst – in den Gadenstätten, am heutigen Wanderweg unterhalb der Fahrstrasse nach Molinis. Im Jahr 1647 verkauften die Tschiertscher ihre Rechte an die Moliniser, behielten aber zahlreiche Güter in diesem klimatisch milden Gebiet. Erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verkauften die Tschiertscher fast alle ihre Wiesen und Gebäude an eine Alpkorporation von Zürcher Bauern, die nun dort ihr Vieh sömmern. Ebenfalls um die Mitte des 17. Jahrhunderts (1658) erlangte die Stadt Chur durch Kauf das Recht, Weg und Steg auf Tschiertscher Gebiet zu benutzen. Die Bauern der Stadt waren nun berechtigt, ihr Vieh auf dem Ochsenalpweg in ihre zuvor erworbenen Alpen im Gebiet von Arosa zu treiben. Wer nach Innerarosa oder in die dortigen Alpen musste, benutzte den Weg über den Carmennapass, die kürzeste Verbindung zwischen Chur und Arosa. Damit erhielt der Talweg über Praden nach Chur erhöhte Bedeutung; er wurde allmählich – wie die noch erhaltenen Reste aus der Zeit vor 1890 mit zum Teil über zwei Metern Breite belegen – für die damalige Zeit grosszügig ausgebaut. Auch die Gemeinden Maienfeld und Fläsch im Churer Rheintal waren auf den Ochsenalpweg für ihren Viehauftrieb in die entlegenen Aroser Alpen an der Maienfelder Furgga und in Maran angewiesen und zahlten den Tschiertschern für die Wegrechte. Streit gab es auch immer wieder mit den Besitzern der Alpen im Urdental, den Gemeinden Lüen, Castiel, Calfreisen und Maladers, um den Bau von Alpschermen und die Schneefluchtrechte der Schanfigger im Wald und auf den Weiden von Tschiertschen auf der «Schafalp» und im «Bleiswald». Eine Besonderheit der Tschiertscher Landwirtschaft bildeten die exponierten Wildheugebiete in den Bleisa und Güda am Aroser Weiss­horn und in den Tschengla im Farurtal, private Güter, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg alle zwei Jahre im Spätsommer genutzt wurden. Über das Alter der Gemeindealpen Farur (Tschiertschen) und der tiefer als die Maiensässe von Furgglis gelegenen kleinräumigen Prader Alp (Untersäss) ist nichts bekannt. Der Name Farur ist keltischen Ursprungs und deutet auf ein uralte Nutzung des heutigen Gemeindegebiets von Tschiertschen hin. Die Prader Alp wird erstmals erst 1789 genannt, ihr Ursprung dürfte aber weit in die früheren Jahrhunderte zurückgehen. Erst 1850 kauften die Prader in einem Tauschgeschäft gegen Holzlieferungen die Jochalp («Gengelsche Alp») des Churwalder Obersten Gengel, der damals auch die weiten Jochwiesen auf Churwalder Seite besass.


Die Wirtschaftsweise in der Landwirtschaft modernisierte sich zwar im 19. Jahrhundert durch die Verbesserung der Alpwirtschaft, einige landwirtschaftliche Neuerungen und durch Fortschritte bei der kontinuierlichen Bewirtschaftung des Waldes. Die einschneidende Veränderung erfolgte in der Landwirtschaft aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Mechanisierung und der Rationalisierung der Betriebe. Den vorläufigen Abschluss bildet das grosse Werk der Gesamtmelioration Tschiertschen (1977–1998) mit der Güterzusammenlegung und dem Bau eines ausgedehnten Netzes von Güter- und Waldstrassen.
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Tourismus
Um 1890, in der Zeit der allgemeinen Hotelkonjunktur der Belle Epoque im Alpenraum, entstand in Tschiertschen ein starker Fremdenverkehr, zunächst im Sommer durch den Bau von Hotels und Pensionen. Ein Beispiel dafür sind die Anfänge des Hotels Alpina Ende der 1890er Jahre, erbaut durch den Aroser Hotelier Hold. Die Initiative und der Unternehmergeist waren gross: Bereits 1897 wurde der Kurverein Tschiertschen gegründet. Trotz der Krisen der Weltkriege und der 1930er Jahre entwickelte sich in Tschiertschen auch ein Wintertourismus mit der Gründung einer Skischule und dem Bau des ersten Skilifts im Jahre 1952. Seit den Sechzigerjahren entstanden in Tschiertschen zahlreiche Ferienhäuser und Ferienwohnungen, die ersten Vorläufer in Form wertvoller Jugendstilchalets (Häuser Solcà und Hildebrand) gehen aber bereits auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. In den letzten Jahren hat eine starke Verlagerung der Übernachtungszahlen von den Hotels und Pensionen auf die Ferienhäuser und -wohnungen stattgefunden.


In Praden blieb die Bedeutung des Fremdenverkehrs eher bescheiden. Es entstanden vorübergehend einige Pensionen (Kurhaus, Krone), die heute nicht mehr als Hotels betrieben werden. In jüngerer Zeit folgte der Bau einiger Ferienhäuser und -wohnungen. Eine Episode blieb Ende der 1890er Jahre der Versuch von Jakob Lyss, eine kleine Produktion von Mineralwasser aus der «Sauerquelle» unterhalb von Inner Praden aufzuziehen; das Unternehmen scheiterte aber schon in den Anfängen.
 

Dorfpartie in Inner Praden. Holzhäuser des 18. und 19. Jahrhundert
Dorfpartie in Inner Praden. Holzhäuser des 18. und 19. Jh.

Bau und Siedlung
Das wertvollste Erbe der Geschichte von Tschiertschen und Praden sind die Ortsbilder und einige gut erhaltene historische Bauern­hausbauten. Praden ist heute noch ein malerisches Strassendorf mit den zwei Ortsteilen Usser und Inner Praden, geprägt durch idyllische kleine Gärten und einige gut erhaltene Bauten. In beiden Gemeinden gehen einzelne Holzbauten bis in 17./18. Jahrhundert zurück. Im 19. Jahrhundert errichtete der Zimmermann und Baumeister Johannes Niggli aus Molinis im Haufendorf Tschiertschen zahlreiche mustergültige und grosszügige Bauernhäuser, die mit ihren gemalten Haussprüchen Zeugnis von der Frömmigkeit der damaligen Gesellschaft ablegen und auf einen gewissen Wohlstand hindeuten. Nigglis schön proportionierte Strickbauten prägen heute noch das Tschiertscher Ortsbild. Niggli-Häuser finden sich im ganzen Schanfigg und auch in Praden. Renovationen der letzten Jahrzehnte haben die Substanz aber stark verändert. Die beiden Kirchen von Tschiertschen und Praden sind schlicht und schmucklos. Das Kirch­lein Praden ist in jüngster Zeit renoviert worden; sein Prunkstück ist eine kleine Hausorgel aus dem 17. Jahrhundert, die 1998 restauriert worden ist. Auch in der Kirche Tschiertschen steht ein wertvolles historisches Instrument, die Toggenburger Hausorgel aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu erwähnen bleibt die renovierte alte Säge von Tschiertschen am Strässchen nach Molinis, ein bedeutendes technisches Denkmal. Sie wird im Sommer wieder mit Wasserkraft betrieben (Anfragen beim Verkehrsverein Tschiertschen). Im Gelände unterhalb von Tschiertschen lassen sich zahlreiche Ackerflächen und -terrassen erkennen, auf denen einst Getreide und Hanf angepflanzt wurde. Immer noch ist die Landschaft geprägt durch Aussenställe und Heubargen (Heuschober), die fast alle funktionslos geworden und vom Zerfall bedroht sind. Die Wiesen, Weiden und Wälder, die Bäche, die alten Flur- und Alpwege, die heute als Wanderwege benutzt werden, bilden die Seele des Kulturraums Tschiertschen-Praden. Sie schaffen den unverwechselbaren Charakter einer Landschaft, die für Wanderer hoffentlich noch lange anziehend bleiben wird.
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Georg Jäger


Ehemalige Nutzungszonen
Die Bauern von Tschiertschen betrieben Viehzucht und Milchwirtschaft. Wiesland wurde bis in den Waldstafel (1800m) genutzt. In den Steilpartien der Tschengla im Farurtal und der Güda und Bleisa unterhalb des Weisshorns, d.h. in der Höhenlage der Alpweiden, lagen die Wildheugebiete. In der Versorgungszone (Brüscha, Grund, Gadenstätte) wurde für den Eigenbedarf auch Obst angebaut. Unmittelbar unterhalb des Dorfes lagen die Äcker, auf denen bis Ende des 18. Jahrhunderts Getreide und Hanf angebaut wurden; im 19. Jahrhundert kam immer mehr die Kartoffel auf. Eine wichtige Rolle spielte im 20. Jahrhundert der Holzverkauf, der bis in die 1960er Jahre die wichtigste Einnahmequelle der Gemeinden bildete. Für Praden mit seinen Waldungen in den felsigen Abhängen unterhalb des Dorfes hatte die gefährliche Flösserei auf der Plessur bis in die 1950er Jahre grosse Bedeutung.
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Ehemalige Nutzungszonen

 
 
 

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